Autoren: Morey Haber, CTO/CISO bei BeyondTrust, und Christopher Hills, Sr. Solutions Architect, Office of the CTO bei BeyondTrust


Wenn die Blätter im Herbst fallen, ist auch die Zeit für IT-Prognosen. Ein Ritual, das von seriösen Fachexperten und fantasiebegabten Laien gleichermaßen gepflegt wird. Einige Zukunftsforscher greifen bereits etablierte Trends auf und verkaufen sie als Zukunftsprognose, während andere Prognostiker mehr in den Bereich der Fabelkunst abgleiten. Beide Fehler wollen wir vermeiden.

Wie sehen die IT-Vorhersagen von BeyondTrust für 2020 aus?

Unsere Analyse ist vom Zusammenspiel mehrerer Faktoren gekennzeichnet, die völlig neue Angriffsszenarien im Jahr 2020 vorbereiten. Aber auch altbekannte Bedrohungen treten erneut in Erscheinung. Wir haben uns auch Gedanken darüber gemacht, welche Technologien und marktbezogenen Entwicklungen in den nächsten fünf Jahren prägend sein werden, womöglich sogar aktuelle Sicherheitsempfehlungen außer Kraft setzen. Genug der Vorrede — lesen Sie selber…

Vorhersagen für 2020…

1. Anstieg automatischer Malware-Updates

Vor und zehn Jahren war das Internet mit Raubkopien, Freischaltungscodes und Softwarepiraterieseiten durchsetzt. Die neuesten Versionen von beliebten Betriebssystemen, Programmen und anderen Tools konnte man sich kostenlos, wenn auch illegal, mit Leichtigkeit zulegen — selbst auf die Gefahr hin, dass sie womöglich mit Malware verseucht waren.

Der starke Trend zur Cloud und die Popularität von App Stores hat den weitverbreiteten Webangeboten für Raubkopien ein stilles Ende bereitet. Positive Folge: Die Anzahl der Nutzerprogramme, die mit Schadsoftware verseucht sind, hat ebenfalls stark abgenommen. Cyberkriminelle haben jedoch neue Angriffsformen entwickelt und nutzen verstärkt Auto-Update-Funktionen, um Nutzerrechner mit Malware zu infizieren. Viele Cloud-Applikationen aktualisieren sich automatisch, was Angreifer durch Man-in-the-Middle-Attacken, DNS-Spoofing oder kompromittierte Cloud-Konten aktiv ausnutzen.

Die Mehrzahl der Anwender vertraut mittlerweile auf automatische Aktualisierungsprozesse und verdrängt deshalb Bedrohungen, die auf kompromittierten Cloud-Verbindungen beruhen. Es ist erwartbar, dass 2020 viele populäre Applikationen und Betriebssysteme von diesen Advanced Threats betroffen sein werden.

2. Wiederverwendung alter CVEs

Im Januar 2020 endet der offizielle Support für Windows Server 2008 R2 und Windows 7, aber trotzdem werden Millionen von Rechnern weiterhin mit diesen Betriebssystemen arbeiten. Dadurch setzen sich Anwender einer Vielzahl an Sicherheitslücken aus, solange (verfügbare) Patches nicht eingespielt werden oder der Wechsel auf eine neue Betriebssystemversion nicht abgeschlossen ist. Neue Schwachstellen verschärfen die Risiken auf Seiten der betroffenen Organisationen, denn Microsoft wird selbst kritische Schwachstellen nach dem Support-Ende wohl kaum mehr schließen. Cybergangster nutzen das aus, um 2020 ganz gezielt Angriffe zu forcieren.

Betroffene IT-Systeme mit ihren Schwachstellen werden in Vulnerability Reports detailliert aufgeführt. Angreifer nutzen diese Infos, um schnell ans Ziel zu gelangen — aus einem alten CVE (Common Vulnerabilities and Exposures) wird so schnell eine „neue” Bedrohung. Günstig für die Angreifer ist auch, dass der Wechsel des Betriebssystems nach dem Support-Ende teuer und arbeitsintensiv sein kann. Solange die Migrationsprozesse auf sichere OS-Versionen nicht abgeschlossen sind, werden Angreifer im Jahr 2020 aktiv die bekannten Schwachstellen betroffener IT-Systeme ausnutzen.

3. Neue Attacken auf Nutzerprivilegien

Privilegierte Zugangsdaten sind immer mehr in den Fokus von Angreifern geraten, die Konten und Passwörter rauben, um durch Network Lateral Movement weitere IT-Assets und Geschäftsinformationen zu kompromittieren. Dieser Trend setzt sich auch im Jahr 2020 fort, aber die Unterscheidung zwischen echten und gefälschten Identitäten wird zusätzlich schwieriger, weil immer raffiniertere Angriffsstrategien und durch DeepFake-Technologie verfeinerte Täuschungsversuche zum Einsatz kommen. Neben bekannten Datenraubversuchen per E-Mail oder SMS sowie Telefonanrufen falscher Mitarbeiter wird auch mit Phishing-Versuchen über soziale Medien, Hacking-Attacken durch geraubte Biometriedaten und selbst künstlicher Intelligenz zur Nachahmung von Personen zu rechnen sein.

4. Mehr Cybersicherheit im US-Wahlkampf erforderlich

Diskussionen um Wählertäuschung und Manipulationsversuche aus dem Ausland werden wohl auch bei den US-Wahlen 2020 ein großes Thema sein. Nicht nur der Ausgang der Präsidentschaftswahl dürfte kontrovers diskutiert werden, sondern auch, wie die Ergebnisse zustande gekommen sind. Sollten Wählerstimmen gefälscht oder elektronische Wahlmaschinen gehackt werden, stände das gesamte Wahlsystem in Frage. Könnten Hacker oder ausländische Staaten die eingesetzten Stimmabgabesysteme digital infiltrieren, würden auch die ermittelten Wahlergebnisse zum Gegenstand hitziger Wortgefechte und gerichtlicher Auseinandersetzungen der Kandidaten.

Vorhersagen bis 2025…

1. Endnutzerpasswörter verschwinden

Entwickler von Betriebssystemen und Applikationen versuchen immer mehr, die Abhängigkeit von Passwörtern zu beenden. Authentifizierungsmethoden wie Biometrie und tastaturgestützte Verfahren zur Mustererkennung haben tatsächlich das technische Potential, um die klassische Kennwortabfrage zu ersetzen. In den nächsten fünf Jahren könnten sie die Marktreife und -akzeptanz erreichen, um zur Mainstream-Technologie zu werden und die tägliche Computernutzung komplett zu verändern. Allerdings betrifft das nicht die Zugangsdaten und Passwörter privilegierter Konten und Legacy-Systeme, die mindestens in den nächsten zehn Jahren weiter auf dieses Verfahren setzen werden.

2. Next-Gen-Prozessoren etablieren sich

Mikroprozessoren auf Basis von x86- und x64-Architekturen, bleiben trotz technischer Alterung auch in den nächsten 20 Jahren in Betrieb. Allerdings wird der Einsatz ARM-basierter Computer und Tablets wohl deutlich zunehmen — nicht zuletzt mit Blick auf Herstellerplanungen, MacOS- und Windows-Rechner zukünftig auf ARM-Chips umzustellen. Diese Prozessoren bedingen Änderungen in punkto Sicherheit, Leistungsstärke und Geschwindigkeit. Die Umstellung von alten CPU- zu ARM-Architekturen in den nächsten fünf Jahren muss zwangsläufig die Entwicklung neuer Sicherheitstools nach sich ziehen.

3. IT-Gesichtserkennung nimmt zu

Gesichtserkennungstechnologie, noch relativ unausgereift, hat ein großes Potential. Die Anwendungsszenarien reichen von Verkaufsautomaten, die Bezahlungsvorgänge durch Gesichtserkennung durchführen, bis zu Fluggesellschaften, die das Boarding über Gesichtserkennungssysteme steuern. Die Marktreife der Technologie nimmt in den nächsten fünf Jahren schrittweise zu, so dass IT-Gesichtserkennung den bereits erwähnten, passwortfreien Authentifikationsprozesse zuzuordnen ist — das führt zu ganz neuen Risiken, und es stellen sich auch Fragen des persönlichen Datenschutzes, die es zu beantworten gilt.

4. Cloud-Angebote verdreifachen sich

In den nächsten fünf Jahren kommt es voraussichtlich zu einem massiven Anstieg der Cloud-Architekturen, um die erwünschten Vorteile bei Verfügbarkeit, Skalierbarkeit und Sicherheit im Markt zu erreichen. Sukzessive nehmen deshalb Cloud-basierte Bedrohungsszenarien zu und die Sicherheitsanforderungen der Cloud-Angebote rücken in den Mittelpunkt. Sicherheitsverletzungen wie unlängst bei Capitol One oder Equifax geben einen Vorgeschmack darauf, was Organisationen in Zukunft erwartet. Der Bedarf nach Sicherheitstechnologien für Cloud-Infrastrukturen, IT-Assets mit Cloud-Anbindung, Identitäten und Schlüssel wächst bis 2025 weiter.

Schlussbemerkungen

IT-Vorhersagen zur Cybersicherheit sind wichtig. Je mehr CISOs und andere IT-Fachexperten die Herausforderungen bei der Absicherung sich weiterentwickelnder Technologien verstehen, desto besser sind sie bei Investitionsentscheidungen in ihren Unternehmen vorbereitet. Im Endergebnis macht das den Unterschied zwischen einer proaktiven oder reaktiven Vorgehensweise — mit dem richtigen Sicherheitsansatz lassen sich neue Technologie- und Geschäftsanforderungen beherrschen, anstatt sie einschränken zu müssen.